Meist fokussieren sich Besucher Berlins auf die geschichtsträchtigen Stätten im Zentrum Berlins, was durch diese räumliche Beschränkung allerdings wichtige Aspekte der Stadtgeschichte ausklammert. Auch der „Speckgürtel“, gebildet aus den Gemeinden Brandenburgs rund um das Land Berlin, bietet viele interessante Sehenswürdigkeiten, die untrennbar mit der Geschichte der Hauptstadt verbunden sind.
So war selbst den meisten Teilnehmern unserer traditionellen Spargelfahrt die wechselvolle Geschichte des Örtchens Ludwigsfelde unbekannt, obwohl Ludwigsfelde heute ein wichtiger Industriestandort ist und gerade mal knappe 20km südlich von Berlin liegt.
Ideal für uns, um unser traditionelles Spargelessen mit geschichtlichen und technischen Eindrücken aufzuwerten, denn Ludwigsfelde verfügt über das hervorragende „Stadt- und Technikmuseum“ im ehemaligen Bahnhofsgebäude, mit Schwerpunkt auf die Industriegeschichte ab 1936.
Und so trafen sich fünf Jaguars und ein Begleitfahrzeug an der Berliner Stadtgrenze, um einen kurzen Sprung über die Bundesstraße nach Süden zu machen.
Am Museum wurden wir schon von unserem überaus engagierten Führer, Herrn Jentsch, begrüßt, der uns durch die Sammlung führte.
Bemerkenswert, dass Ludwigsfelde vor 1936 nur wenige Häuschen und nur ein paar hundert Einwohner zählte! Das änderte sich mit dem Beschluss des Nazi-Regimes schlagartig, dass in der Ludwigsfelder Heide eine „Shadow Factory“ (so der britische Ausdruck für einen weiträumig verstreuten Hallenkomplex) entstehen sollte. Ziel war es, einen zentralen Produktionsstandort für den wichtigsten Flugmotor des Dritten Reiches, den Mercedes Benz DB601, zu schaffen.
Die Daimler-Benz AG erhielt 1935 vom Reichsluftfahrtministerium den Auftrag, ein Großserienwerk für Flugmotoren zu bauen. Dies war sozusagen das Schwesterwerkes des heute noch bestehenden Motorenwerkes in Berlin-Marienfelde, nur ca. 25km entfernt.
Am 24.01.1936 erfolgte die Gründung der Daimler-Benz Motoren GmbH. Der Baubeginn erfolgte auf einer Fläche von 3,75 km². Im Mai 1936 hatte das Werk eine Stammbelegschaft von 180 Personen. Im Frühjahr 1936 wurde mit dem Bau des Werkes begonnen und bereits im Herbst des gleichen Jahres waren die ersten Werkhallen fertig, die Produktion konnte anlaufen.
Durch den Bau von Flugmotoren in Großserie hatte das Werk einen wesentlichen Anteil am Aufbau der Wirtschaft und nicht zuletzt auch am Wachstum des Ortes Ludwigsfelde.
Im Juni 1937 bestand die Belegschaft aus 5.600 Mitarbeitern, von denen die meisten nun im Ort angesiedelt werden mussten.
Im Februar 1937 erfolgte die Fertigstellung des ersten Flugmotors. Das Werk war inzwischen auf 10 Produktionshallen angewachsen. Die Werkstattfläche betrug ca. 88.000 m² und die Lagerfläche ca. 13.000 m². Im Mai 1937 lief die Produktion programmgemäß.
Schon bald nach dem Krieg wurden diejenigen Hallen, die die Bombenangriffe halbwegs überstanden hatten, als Reparaturwerkstätten genutzt, wobei sich die generelle Frage stellte, was mit dem riesigen Produktionskomplex anzufangen sei. Mit dem Ende der Demontage aller Fertigungseinrichtungen und anschließender Sprengung der Fertigungshallen der Daimler-Benz Motoren GmbH 1948 gab es am Industriestandort Ludwigsfelde/Genshagen keinen bedeutenden Arbeitgeber mehr. Die arbeitsuchenden Bewohner im ehemaligen Einzugsbereich des Motorenwerkes pendelten überwiegend nach Berlin/Westberlin. Dem wollten die Kommunalpolitiker entgegenwirken und forderten von der Regierung der DDR eine erneute Industrieansiedlung.
Daher wurde geplant, zur Aufrüstung der DDR Großmotoren zu produzieren - den Nachbau eines Daimler-Benz-Schnellboot-Triebwerks.
Eine sehr kurze Karriere hatte das Strahltriebwerk „Pirna“, das ebenfalls in Ludwigsfelde gebaut werden sollte: Nach vielen Rückschlägen wurde die Flugzeugentwicklung in der DDR gegen Ende der 50er Jahre eingestellt.
Bereits in den fünfziger Jahren hatte sich ein Mangel an industriell gefertigten Dingen für die Bevölkerung herausgestellt. Staatlicherseits erfolgte daher eine Festlegung, dass jeder Industriebetrieb zu einem bestimmten Prozentsatz seines Produktionsvolumens Konsumgüter herstellen muss.
Welche, blieb den Betrieben vorbehalten. Oft starteten die Betriebe einen Aufruf an die Belegschaft um ein Erzeugnis kreieren zu können. So auch das IWL, was zu einem seltsamen Produktmix führte:
Aschenbecher aus Abfall der Rückblickspiegel, Titelgeräte für Schmalfilmer, Drehascher.
Vom Management initiiert: Rückblickspiegel für Motorroller/-räder, Kotflügelverzierung und Zierleisten für Motorroller, Einradanhänger für Motorroller, Rennbootmotoren.
Allerdings wurde der Individualverkehr auch in der DDR immer wichtiger und die Nachfrage nach entsprechenden Motoren so drängend, dass man sich mit Fahrrad-Hilfsmotoren und Außenbordmotoren beschäftigte. Pläne, die nie verwirklicht wurden. Dagegen wurde die sog. „Dieselameise“, ein innerbetriebliches Transportgerät, produziert. Aber auch dies sicherte nicht die Beschäftigung für die zahlreichen Mitarbeiter, und so wurden ab Mitte der 50er Jahre im nun „VEB Industriewerke Ludwigsfelde“ (IWL) genannten Komplex verschiedene Motorroller gebaut, die die drängendsten Transportprobleme der Bevölkerung erfolgreich lösten: „Pitty, Wiesel, Berlin und Troll“. Diese sind im Museum zu bestaunen und haben auch heute noch eine begeisterte Fangemeinde, die sich gerne in Ludwigsfelde trifft.
Vierrädrig wurde es ab 1962, denn nun baute man über 3.000 Exemplare des Geländewagens „P3“, ein Kübel ausschließlich für militärische Zwecke.
1962 gab es dann eine Weichenstellung, die die Geschichte des Standortes Ludwigsfelde bis heute prägt: Der Ministerrat der DDR beschloss, daß der mittelgroße LKW „W50“ in Ludwigsfelde gebaut werden sollte. Der Fünftonner bildete das Rückgrat der Logistik in der DDR und wurde auch erfolgreich exportiert als robuster und anspruchsloser Transporter für die unterschiedlichsten Einsatzzwecke. Die Produktionsnummer „1“ aus dem Juli 1965 steht heute perfekt restauriert im Museum, insgesamt wurden fast 600.000 Fahrzeuge gebaut.
Gegen Ende der 80er Jahre war das Konzept nun doch so veraltet, dass man über eine Kooperation mit der Nutzfahrzeugsparte von Mercedes-Benz nachdachte – ein Prototyp mit Mercedes-Fahrerhaus wurde gebaut. Allerdings beendete die Wende diese Pläne, was jedoch nicht das Ende der Fabrik bedeutete: Mercedes übernahm das Gelände, und seitdem werden hier die „Sprinter“ gebaut in der Tradition des Transporterbaus. Leider schafft nun die aktuelle Wirtschafts- und Energiepolitik, was selbst der Sozialismus nicht fertigbrachte: Ende der 20-er Jahre des 21. Jahrhunderts wird die Produktion des Sprinters nach Polen verlagert, das Werk steht vor dem Aus…
Nach der eindrucksvollen Führung ging es dann über idyllische Landstraßen ein Stück nach Nordosten – das Spargelgut Diedersdorf rief! Unsere fünf Katzen versammelten sich zu einem letzten Gruppenfoto und die wackeren 15 Clubfreunde zum Genuß des Beelitzer Spargels, bekanntlich der beste in Deutschland!
Mal schauen, wohin es uns im nächsten Jahr verschlägt, es gibt in der Beelitzer Spargelregion sicher noch viele gute Restaurants zu entdecken.
Quellen:
https://www.ludwigsfelde.de/rathaus-und-buergerservice/staedtische-einrichtungen/museum/
https://themator.museum-digital.de/ausgabe/showthema.php?tid=2056