Donnerstag, 14.05.
Wechselhaftes Aprilwetter, wolkengrau und kühl. Die 2. Stufe unseres MK2-Scheibenwischers bemüht sich heute tapfer, die Regenschauer zur Seite zu schieben, die uns auf der A10 entgegenkommen. Der Treffpunkt ist in Bernau, um 9.30 Uhr auf dem Parkplatz eines weltbekannten Herstellers dick belegter Weißmehlbrötchen! Gesund gefrühstückt hatten wir aber schon und so beeilt sich die Katzengruppe, das Roadbook in Empfang zu nehmen und über die A11 Stettin zu erreichen. Christoph, Jeannine, Dana und Jarek hatten eine Fahrt an die polnische Ostseeküste ausgearbeitet, die sicher für ein Großteil der mitreisenden Katzen eine unbekannte Gegend ist. Die gilt es also zu erkunden! Überfährt man die deutsch-polnische Grenze, betritt man unvermeidlich die wechselhafte und schmerzliche Geschichte unserer Völker und ihrer Schicksale.
Die Chinesenzeichen des Roadbooks führen uns im Stettiner Westen auf den Vorplatz eines ehemaligen Straßenbahndepots. Heute beheimatet es das „Stettiner Museum für Technik und Kommunikation“ (www.muzeumtechniki.eu). Die lichte Halle enthält Busse und Straßenbahnen, Pkws und Motorräder, meist aus dem Alltag vergangener Jahrzehnte bis in die 70er Jahre. Darunter sind auch technisch interessante Prototypen. Besonders stolz ist unser sachkundiger Museumsführer auf die Sammlung der Produktionen der Stettiner Firma Stoever. Die Fertigung von Nähmaschinen und Fahrrädern führte bereits vor Beginn des 20. Jahrhunderts zur Entwicklung von Personenkraftwagen. Ein völlig neues Gebiet für den technischen Fortschritt. Die solide Verarbeitung und technische Innovation ließ die Firma bis in die ausgehenden 30iger Jahre erfolgreich werden und sogar mit großen deutschen Automobilherstellern ihrer Zeit konkurrieren. Nach 1945 wurden die Werke demontiert und als Reparation in die Sowjetunion gebracht.
Nach dem Rundgang wartet im ersten Stock auf unsere Gruppe ein langer, besonders schön dekorierter Tisch. Serviert wird ein Teller mit schmackhaften, süß gefüllten Pierogi, eine polnisch-pommersche Mehlspeise. So gestärkt nehmen wir die Strecke unseres Roadbooks wieder auf mit dem Ziel unseres „Hotels Glar“ im Örtchen Wiselka. Das Wellness-Hotel liegt inmitten eines Küsten-Naturschutzgebietes und wird unser Ausgangspunkt für die nächsten drei Tage sein. Auf dem Parkplatz sammeln sich nun 15 Katzen und als sehr früher Vogel seiner Gattung, der Ford Thunderbird von Rosanna. Am Abend erwartet uns ein reichhaltiges Buffet im hoteleigenen Restaurant. Die Polohemden, gefertigt zum Anlass unserer Fahrt, werden nicht einfach nur so verteilt! Diese müssen sich die Teams bei einem Spiel erst erkämpfen, indem jeder neben dem Anziehen gleichzeitig und wechselnd einen Luftballon in der Schwebe halten soll! Eine Groteske, die viel Gelächter und Beifall der Gruppe hervorruft! Der anschließende Verkehrs-Fragebogen ist überschaubar. Die Antwort auf die Frage nach Queen Mum‘s Vorliebe eines bestimmten Jaguar-Modells jedoch konnte ich nicht beantworten. Sorry Mum!
Freitag, 15.05.
Der Himmel ist blau, leicht wolkig und viel wärmende Sonne! Cabrios, was wollt ihr mehr? Gefahren wird nach dem „Englischen Abbiegeverfahren“, wie unser SL es nennt. Jedes Team erhält einen Union-Jack an kurzem Stabe. An zugewiesener Stelle ist der Wagen zu halten, den Nachfolgenden die Richtung zu winken und alle vorbeifahren zu lassen. Vor dem bekannten, immer zuletzt fahrenden Fahrzeug (dem Lumpensammler) ist die Fahrt wieder aufzunehmen. Hört sich schwierig an, ist aber ein leichtes und entspanntes Fahren. Das sollten sich die Chinesenzeichen mal sagen lassen! So kommen wir gemeinsam auf der staubigen Parkfläche des „Flughafens Heringsdorf“ auf Usedom, jenseits der Grenze an. Dieser Flugplatz gehörte in den 20er und 30er Jahren des letzten Jahrhunderts zum Netz des berühmten Bäderflugverkehrs. Von Berlin aus, über die Lübecker Bucht bis in das Stettiner Haff, landete man auf staubigen Pisten. So ermöglichte die Lufthansa es den zahlungskräftigen Erholungssuchenden schnell an die schönen Ostseestrände zu gelangen. Geschichte: Bereits ab 1935 wird dieser Flugplatz militärisch ausgebaut.
Der Flugplatz ist noch immer in Betrieb. (www.flughafen-heringsdorf.de). Das Unternehmen namens „Hangar 10“ ermöglicht uns in seiner Halle, einen Blick in die Geschichte der Flugtechnik zu werfen. Sehr detailreich wird uns vom Museumsführer die Geschichte und Technik der Exponate vorgestellt. Beeindruckende Baumuster zivil wie militärisch, u.a. Messerschmitt, Bücker, Junkers, Antonov, zu viel zu sehen, um es hier in den Einzelheiten zu beschreiben.
Immer noch strahlend schönes Wetter! Unsere „Fähnchentour“ führt uns weiter zurück zur Ostsee, wo uns ein Restaurant in Rankwitz selbstverständlich Fischgerichte anbietet. Köstlich frisch, wir sind zufrieden. Schwieriger wird es mit dem anschließenden Spiel. Mit Hilfe eines aufzublasenden Luftballons sind Pappgetränkebecher zu stapeln. Das spricht natürlich die spielende Katze in uns an, belustigend für die Drumherum-Stehenden ist es allemal. Dann geht es zurück zu unserem „Hotel Glar“. Beim Aussteigen bemerke ich, dass ich eine tropfende Ölspur auf das Steinpflaster gelegt habe! Einen Druckabfall hat das Zeigerinstrument zum Glück nicht vermeldet. Also den Wagen rechts vorn aufbocken und die Ursache suchen. Diese wird schnell erkannt als der defekte, kantige Gummiring, der die originale Ölfiltertasse gegen den Filterkopf dichtet. An diesen Dichtring, habe ich als Ersatzteil nicht gedacht! Jarek bietet an, dass sein Sohn aus Stettin morgen eine Auswahl von Ringen beschaffen könnte. Ja, das wäre ein Versuch wert, ich bin dankbar für dieses Angebot und auch für die Mithilfe von Andreas bei der Demontage.
Im Hotelrestaurant wartet abends ein reiches Grillbuffet auf uns. Frisch gestärkt bringt das anschließende Spiel einen Tischtennisball im umgestülpten Weinbrand-Schwenker ins Rotieren. Nicht so einfach, die Kraft der Rotation zu der der Schwerkraft des Balles zu dosieren und den Ball in den Eimer fallen zu lassen!
Das Grillbuffet hält gut vor und so sehen wir uns im benachbarten Projektionsraum noch einen Film von 1980 mit dem Titel „Car-Napping, Bestellt, Geklaut, Geliefert“. Eine turbulent-absurde Geschichte des unschuldig scheinenden, analogen Zeitalters. Die Story: Gentlemen-Gauner entwenden unter Mithilfe italienischer, fingergeschickter Fachleute u.a. eine Menge Porsches. Diese Karossen werden sogleich zu schnellem Geld gemacht. So eine Filmstory wäre heute vor lauter „political incorrectness“ völlig undenkbar! Sie ist an diesem Abend dennoch unterhaltsam.
16.05.
Wieder ein sonniger, blauer Himmel mit weißen Wolkenbänken. Was wollen wir mehr? Unser Weg führt uns wieder an die pommersche Küste, exakt auf den 15. Längengrad zu einem Ort Namens „Trzesacz“. Diesen könnte man mit „Zittern“ übersetzen. Im kleinen, multimedialen Museum erfahren wir den Grund dieser Namensgebung. Vor langer Zeit brachten die Fischer des Ortes den Meeresgott in Zorn, da sie seine Tochter im Netz gefangen und so mit ihr Ableben herbeigeführt hatten. Der Zorn des Gottes ließ große Stürme über die Küste hereinbrechen und die Kirche in den Fluten versinken.
Heute stehen zur Mahnung hoch auf der Klippe nur noch die Backsteinmauern der Apsis. Die Ruine wurde in den 90er Jahren fachmännisch gesichert, um ihren Absturz zu verhindern. Ein Touristenmagnet und Handykulisse für alle, über einem schönen weiten Ostseestrand.
Weiter führt uns das Roadbook zum Küstenort „Niechorze“. In einem Freiluft-Miniaturen-Museum lernen wir einiges über die zahlreichen Leuchttürme dieser Küste. Auch hier weist ein fachkundiger Führer auf die Besonderheiten und geschichtlichen Entwicklungen hin. Dank Jareks und Danas Übersetzung vom Polnischen ins Deutsche ist das auch für uns verständlich. Auf dem Parkplatz verzehren wir anschließend Teile unseres üppigen Lunchpaketes. Weiter führt uns der Weg durch schöne, leicht hügelige Landschaften. Weite Blicke über das noch grüne, junge Korn oder das leuchtende Gelb duftenden Rapses. Wir durchfahren alte Landstraßen mit engstehenden Baumalleen. Birken, Kastanien, Buchen mit quer einfallenden Licht- und Schattenspielen. Was will die Katze mehr? Wir erreichen den Ort „Kamien Pomorski“. Die Gärtnerei dort unterhält ein Heckenlabyrinth für unser nächstes Spiel. Die Teams müssen im Abstand von zwei Minuten das Heckengrün betreten. Sie müssen fünf versteckte Schilder finden, mit Selfies dokumentieren und schnell dem versteckten Ausgang zustreben. Nach sechs Minuten treten wir uns schon fast auf die Füße, von Abstand keine Spur mehr! Wo geht es lang, hier waren wir schon, da lang, ne, Sackgasse, da höre ich die Straße, dann müssen wir da lang?! Jedenfalls genügend Gründe gemeinsamer Irritationen.
Wieder in Freiheit, drückt mir Jarek eine kleine Papiertüte in die Hand. Die Ersatzringe für die Filtertasse! Leider, leider, sie passen alle nicht zu unserem ausgebauten Muster.
Das Roadbook führt uns zurück zu unserem „Hotel Glar“. Die abschüssige Vorfahrt des Hotels wird nun zum Spiel um den letzten Zentimeter. Aufgereiht warten die Katzen für den Mäusesprung von einer Radumdrehung! Völlig unabhängig vom Hubraum und Länge der Motorhaube, das ist sehr schwer abzuschätzen!
Am Abend wird unserer Gruppe ein feines Vier-Gänge-Menu serviert und es folgen unterhaltsame und informative gemeinsame Stunden.
Nun sind die Wertungen unserer Spiele aufgelistet und die Plätze vergeben. Platz 2 für Dana und Jarek, sowie für Karola und Andreas mit gleicher Punktzahl und Platz 1 für Leo und Rudolf. Gratulation!
Ich jedoch muss entscheiden, wie es mit dem Defekt am Mk2 weitergehen kann. Sicher ist, dass ich den Wagen nicht hier stehen lassen will, um ihn irgendwann von einem ADAC-Sammeltransporter auflesen zu lassen. Wieder ist es Jarek, der in seiner tatkräftigen Art anbietet, über Nacht seinen Transportanhänger aus Stettin zu holen und den Wagen am Sonntag mit nach Berlin zu nehmen. Ich bin erleichtert und dankbar zugleich.
17.05.
Gegen 10 Uhr wird der MK2 verladen. Mit tatkräftiger Mithilfe ist das schnell erledigt. Der Mk2 steht gut austariert auf der Standfläche, das Gespann fährt ab in Richtung Stettin. Abschied von unserem „Hotel Glar“. Es ist ein blauer Himmel, die weißen Wolkenbänke sind etwas größer heute. Birgit und ich nehmen Platz im Fond des V12 von Ulrike und Manfred.
Das erste Ziel der Fahrt ist die Stadt Wolin. In der Nähe der Odergewässer lädt ein Wikingerdorf zum Besuch ein. Spitze Palisaden, ein bewehrtes hohes Tor aus massiven Stämmen. Dahinter ducken sich eng stehend reetgedeckte, von Kochfeuern verrauchte Katen. Mit Schwert und Messer bewaffnet begrüßt uns ein Wikinger. Er erklärt uns die geschichtliche Besonderheit dieses Ortes. Das Leben der Wikinger ist voller Mythen, kriegerischer Kampfeslust, Gottesfurcht, Handel, Naturkatastrophen und unzähliger Kämpfe des Überlebens zwischen den Begehrlichkeiten ihrer Nachbarn und Landesherren.
Weiter führt uns die „Fähnchentour“ zum Anwesen von Dana und Jarek in einem kleinen Ort am ausgedehnten Stettiner Haff. Inmitten seiner klassischen Fahrzeugsammlung sind wir eingeladen zu Tee, speziellen alkoholfreien Cocktailgetränken sowie sehr schmackhaften polnischen Pfannkuchen, um unsere erfolgreiche Frühjahrsausfahrt ausklingen zu lassen. Wir erfahren auch noch Einiges zu den Fahrzeugen der Sammlung.
Wie es immer so ist, es drängt den Einen oder Anderen heimwärts und so verabschieden wir uns nach und nach auf ein freudiges Wiedersehen! Jarek, Birgit und ich nehmen noch einen Imbiss mit Backfisch an der nahen Marina des Ortes, um für die Heimfahrt gestärkt zu sein. Als letztes verlässt unser Gespann das Anwesen zur Rückfahrt nach Berlin. Die künstliche Verstauung im Grenzbereich der A6/A11 durch die deutschen Grenzbehörden, umfahren wir. Wir fahren lieber durch schöne Alleen, genießen den Ausblick auf den blühenden Raps und auf die wie auf Schnüren aufgereihten Alleebäume in der Ferne unter dem blauen Himmel des Nachmittages. Die polnisch-deutsche Grenze passieren wir auf einer Nebenstraße, nur bewacht durch frisch gestrichene Grenzpfähle. Wir erreichen die Anschlussstelle 3 (Penkun) der A11. Am Abend laden wir den Mk2 bei der Werkstatt ab. Es ist alles gut verlaufen, wir sind zufrieden, viele Schutzengel sind geflogen und helfende Hände der Clubgemeinschaft haben zugepackt.
Wir bedanken uns bei Jeannine und Christoph, sowie Dana und Jarek, für die viele Mühe und den Einfallsreichtum, den sie für die Ausfahrt aufgebracht haben!
Ein besonderer Dank in meinem Dichtring-Desaster gilt Jarek, dessen Hilfe und persönlicher Einsatz so sehr zu einer guten Lösung geführt hat! Lasst die Katzen schnurren!
Autor: Bernd Lenzner